Kiek rin

die urige Kneipe im Herzen von Lippstadt

Das Kiek rin ohne sein Riesenfass? Das wäre wie der Rathausplatz ohne Rathaus – völlig undenkbar. Über den großen Bottich lässt sich viel erzählen. Manche Kneipengäste haben ihr Glück darin gefunden – wie das Paar, das sich genau hier kennengelernt hatte und bald darauf heiratete. Später zogen die beiden aus Lippstadt weg. Doch jedes Mal, wenn sie auf Besuch hier sind, kommen sie her und setzen sie sich wieder ins Fass, wo die Liebe begann. In dem Holzverschlag können auch ganze Gruppen ein Fass aufmachen – sechs Leute passen locker auf die kleine Sitzrunde. Ein Stammtisch hat diesen gemütlichen Ort übrigens nicht in Beschlag genommen, so dass jeder mal die Chance bekommt, im Fass ein Bier zu zischen. Das Kiek rin gibt es seit 1978. Nachdem in den ersten zehn Jahren mit vier Wirten ein großes Wechselspiel herrschte, ist seit dem 1. Oktober 1988 ununterbrochen ein Mann der Chef hinterm Tresen: Karl-Werner Padberg – für seine Gäste ist er nur „KW“. Der gebürtige Schwelmer war schon 1973 nach Lippstadt gekommen – und führte zunächst die Kneipe „Zum Musketier“ in der Spielplatzstraße. „Als ich anfing, gab es das Glas Bier noch für 70 Pfennig“, erinnert er sich.

Zu seinen Gästen gehörten schon damals Berufskollegen – allen voran der legendäre Onkel Willi von der kleinen Kneipe neben dem Amtsgericht in der Langen Straße. Wenn es Willi überkam, überließ er den Tresen seiner Tochter – er verabschiedete sich mit den Worten, „Ich geh’ mal eben in meine Filiale...“: Zum Musketier. Dort fühlte er sich pudelwohl – und auf seinen jungen Kollegen hielt er große Stücke: „Ich bin dein Ziehvater“, sagte Willi immer zu ihm. Auch drei Jahrzehnte später pflegt KW zu anderen Wirten ein gutes Verhältnis. Konkurrenzdenken ist seine Sache nicht: „Man hilft sich aus, wo man kann.“

1981 gab KW den Musketier auf und arbeitete ein paar Jahre nicht mehr in der Gastronomie. Bis sich auf einmal die Chance ergab, eine Kneipe zu übernehmen, in der er sowieso schon Stammgast war: das mit viel Holz und Eichenbalken ausstaffierte Kiek rin. „Damals wurde in Lippstadt noch richtig Kneipenkarneval gefeiert“, erinnert sich der Gastronom an seine Anfänge in der Rathauspassage. Von Weiberfastnacht bis Rosenmontag war fast ständig volles Haus. Der närrische Abstieg begann 1990: Ein katastrophaler Sturm mit Eisregen ließ die Leute zuhause bleiben. Ein Jahr später kam es noch dicker: Angesichts des ersten Golfkrieges wollte kaum jemand einen ausgelassenen Zug durch die Gemeinde wagen. Danach wurde es nie wieder wie zuvor, der Narrenofen war endgültig aus. Das von zig Karnevalshochburgen von Liesborn bis Rüthen umgebene Lippstadt wurde endgültig zur faschingsfreien Zone. „Heute schauen Dich die Leute doch schon komisch an, wenn Du am Rosenmontag verkleidest durch die Stadt gehst“, sagt KW.

Neben dem Fass hat das Kiek rin noch ein zweites Wahrzeichen: Knut, den Elch. Er hat fast die ganze Kneipe im Blick – und war 1944 im Alter von 14 Jahren von einem deutschen Auswanderer in Kanada geschossen worden. Der stolze Jäger ließ Kopf und Hals seiner Beute zur Wandbüste präparieren. Auf dubiose Weise kam das gute Stück dann nach Deutschland und hing lange Jahre im Verwaltungsgebäude der Lippstädter Kornbrennerei Aufs Blatt, bevor es im Kiek rin eine neue Heimat bekam. Hier wurde ihm auch – zwei Jahrzehnte vor dem kleinen Eisbär – sein jetziger Name Knut verliehen.

Mit Kiskers Kornbrennerei verbindet das Kiek rin aber viel mehr als nur Knut: An der Stelle der heutigen Kneipe stand einst das Verwaltungsgebäude der von Alexander Kisker 1845 begründeten Schnapsfabrik. Eine imposante Erinnerung an diese Tradition ist die originale Kisker-Destille, die neben Fass und Elch als drittes Haus-Wahrzeichen fungiert. Auch die Lampenschirme über den Tischen waren ursprünglich Teile alter Aufs-Blatt-Destillen.

So führen auch die von der „Lippstadt Marketing“ veranstalteten Kneipentouren zu dem geschichtsträchtigen Fleck: KW serviert den Teilnehmern dann echten Aufs-Blatt-Korn und hausgemachte Frikadellen.

Auf die Frage nach illustren Gästen fallen KW immerhin drei Starbesuche ein. Der erste war am 2. Juni 2000: Der vor zwei Jahren gestorbene Sänger Drafi Deutscher („Marmor, Stein und Eisen bricht“) schaute kurz auf einen Drink rein. Der zweite war Wolfgang Völz – bekannt geworden als Graf Yosters Diener Johann. Der dritter Star – ein echter – flog sechs Jahre später ein: Der verirrte Vogel kotete zur Gaudi der Gäste alles zu – Tische, Bänke und Knut, den Elch. Der Wirt war not amused, aber so was passiert halt.

KW kann noch viel mehr Geschichten erzählen. Es gab eine Zeit, da machten in Lippstadts Kneipen einige berüchtigte Originale die Runde: Der „Weiße Hai“ war so einer. Wenn es ihn überkam, aß er Biertulpen fast komplett auf. Er konnte das Glas offenbar problemlos verdauen. Lediglich die Stelle mit dem Brauerei-Emblem wollte er nicht schlucken – „die verträgt mein Magen nicht“.

Quelle: Stadtmagazin Blicker